Gemeinsam entscheiden

SHARE TO CARE geht in Bremen in die nächste Runde

Vom 1. Oktober an haben Hausärztinnen und Hausärzte in Bremen Zugang zu einem Onlinetraining, mit dessen Hilfe sie ihre chronisch kranken Patientinnen und Patienten besser an den medizinischen Entscheidungen beteiligen können. Eingebettet ist das Training in ein Projekt, das erstmalig das Konzept der gemeinsamen Entscheidungsfindung flächendeckend in die Praxis umsetzt. Das Bremer Projekt wurde jetzt mit dem MSD-Gesundheitspreis ausgezeichnet.

Der mündige Patient von heute erwartet, dass er in der Praxis und Klinik nicht nur gut aufgeklärt, sondern in die Entscheidungen mit einbezogen wird. Diese gemeinsame Entscheidungsfindung, englisch Shared Decision Making, kurz SDM, wird von der Weltgesundheitsorganisation als der neue Standard im Umgang mit kranken Personen gefordert. War früher ein paternalistischer Ton in Praxis und Klinik die Regel, soll man sich heute auf Augenhöhe begegnen.

Dabei gibt es ein Problem: Im Arzt-Patienten-Gespräch treffen Fachleute auf Laien. Und das Problem hat zwei Seiten: In medizinischer Hinsicht sind die Ärztinnen und Ärzte die Fachleute, wenn es aber um die Wünsche und Werte, Ängste und Hoffnungen der Patientinnen und Patienten geht, sind diese selbst die Experten. Damit die beiden Parteien am Expertenwissen der anderen Partei teilhaben können, sind besondere Kompetenzen gefragt – Ärztinnen und Ärzte müssen sich verständlich ausdrücken und dialogbereit sein, die Patientinnen und Patienten müssen mutig Fragen stellen und ihre Präferenzen zum Ausdruck bringen.

Aus Studien weiß man, dass sich Shared Decision Making sehr positiv auswirkt: Patientinnen und Patienten werden zufriedener und halten sich mehr an die vereinbarten Maßnahmen. Das spart am Ende Zeit, führt zu weniger Krankenhausaufenthalten, weniger Operationen und geringeren Versorgungskosten. Zwar werden einzelne Elemente von Shared Decision Making im Sinne einer „guten Gesprächskultur“ bereits umgesetzt, aber mit einer systematischen Unterstützung könnte das Arzt-Patienten-Gespräch ein weit höheres Niveau erreichen.

Dafür wurde nun in Bremen das Programm SHARE TO CARE auf den Weg gebracht. Die Bausteine des Programms:

  • Ärztinnen und Ärzte werden online und in Präsenzveranstaltungen trainiert, Gespräche im Sinne der gemeinsamen Entscheidungsfindung zu führen.
  • Patientinnen und Patienten werden motiviert, eine aktive Rolle im Gespräch zu übernehmen.
  • Laiengerechte Informationsmaterialien bieten die fachlichen Grundlagen.
  • Medizinische Fachangestellte werden als Unterstützer für den Prozess geschult.

Ein weiteres, ganz praktisches Problem für die Umsetzung von Shared Decision Making ist die stets knappe Zeit in der Praxis und ihre noch knappere Vergütung. Auch diesem Problem stellt sich das Projekt: Jede Praxis erhält für ihre Beteiligung eine Extravergütung, die sich aus mehreren Töpfen speist. Bedingung ist in jedem Fall die Teilnahme an einem Vertrag über die hausarztzentrierte Versorgung (HzV), die die AOK Bremen/Bremerhaven sowie die Handelskrankenkasse mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen geschlossen haben. Inzwischen wurde der Vertrag auch von DAK und IKK übernommen. Bislang haben sich 450 Ärztinnen und Ärzte eingeschrieben.

Das Engagement für Shared Decision Making erntete bereits viel Lob. Es sei eine „herausragende und innovative Lösung“, fand die Jury des MSD-Gesundheitspreises, und verlieh dem Bremer Projekt Mitte September einen mit 10.000 Euro dotierten Sonderpreis. Eingereicht wurde das Bremer Projekt von den beiden beteiligten Krankenkassen sowie vom Uniklinikum Schleswig-Holstein.

Das SHARE TO CARE-Programm wurde am Standort Kiel des Uniklinikums im Rahmen eines vom Innovationsfond mit 14 Millionen Euro geförderten Projekts entwickelt. Ziel ist es, das komplette Klinikum in Kiel auf Shared Decision Making auszurichten, etliche Meilensteine wurden bereits erreicht. „Das SHARE TO CARE-Programm ist keine vorübergehende Mode, sondern die Standardversorgung der Zukunft – und in Bremen sogar der Standard der Gegenwart“, sagt Friedemann Geiger, Medizinpsychologe und Professor am Uniklinikum Schleswig-Holstein, der das Programm federführend entwickelt hat. Weitere Partner im Projekt sind zum Beispiel TAKEPART Media und Science GmbH, deren Geschäftsführer Jens Ulrich Rüffer zu den Initiatoren von SHARE TO CARE gehört, die Universität Tromsø in Norwegen und der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen.